Treffpunkt: Graz, in einem Café am Hauptbahnhof. Ich warte auf Carla Bobadilla. Bin gespannt, ob ich sie erkennen werde, da ich sie bis jetzt nur auf Fotos gesehen habe. Als Carla dann auf das Café zukommt, erkenne ich sie sofort. Sie begrüßt mich offen und freundlich, gibt mir die Hand. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass ich mir eher eine Küsschen-Küsschen-Begrüßung erwartet hätte, die ich noch von meiner Spanisch-Lehrerin kenne. Das Schubladen-Denken geschieht unbewusst.


Carla Bobadilla ist eine der teilnehmenden Künstler beim Projekte „fremdsehen“. Zwei Wochen wird sie in Pruggern und am Michaelaberg (Obersteiermark) verbringen. Ihr Projekt behandelt vor allem die Unterschiede des Kennenlernens in Chile und Österreich.

„In meiner Kultur gibt es gewisse Fragen, die man sich stellt, wenn man jemanden trifft. Diese Fragen sind hier in Österreich bei einem ersten Kontakt nicht möglich. So zum Beispiel: Wo hast du dich verliebt, hast du jemals in deinem Leben einen Liebhaber gehabt oder hast du jemals etwas geklaut… Solche Ereignisse, die man eigentlich nur sehr vertrauten Leuten erzählt. Und das würde ich die Leute dort gerne fragen. Ich werde bestimmte Themen haben, wie zum Beispiel Liebesgeschichten und Diskriminierungsgeschichten. So werden Linien durch die Stadt gezogen, wo, was, wann passiert ist. Ich werde versuchen, diese Linien sichtbar zu machen. Die Frage ist nur, womit. Entweder mit verschiedenen Materialien oder einfach gezeichnet auf Papier. Ein Ort soll dabei aus der Vergangenheit sprechen und einer aus der Gegenwart. Oder ein Ort mit positiven und einer mit negativen Ereignissen.“

Am Projekt „femdsehen“ fasziniert sie vor allem, den Unterschied zwischen Stadt und Land kennenzulernen, da sie bis jetzt noch nie am Land gelebt hat. Dabei hat Carla selbst mit Vorurteilen gegenüber dem ländlichen Raum zu kämpfen.

Carla Bobadilla

Vor fast genau acht Jahren kam Carla Bobadilla nach Österreich. Seitdem lebt die gebürtige Chilenin in Wien und arbeitet als bildende Künstlerin. Warum es sie nach Österreich verschlagen hat, hat mehrere Gründe.

„Es gibt verschiedene Gründe. Der erste, ich wollte immer schon als Kind und Jugendliche nach Europa, da mein Bruder aus politischen Gründen in Schweden lebt. Deshalb bin ich mit 18 nach Europa gekommen. Ich bin dann zurück nach Chile gegangen, hab mein Studium fertig gemacht und zufällig meinen jetzigen Mann kennen gelernt. Wir haben dann gleich geheiratet und sind nach Europa gegangen. Ich bin also aus Liebesgründen nach Österreich gekommen und deshalb, weil ich schon immer wo anders leben wollte.“

Mit den Österreichern hat sie am Anfang unterschiedliche Erfahrungen gemacht.

„Am Anfang war es schon schwierig, denn wenn sie mich gesehen haben, haben sie zum Beispiel besonders gut auf die Tasche aufgepasst. Inzwischen ist mir das wurscht geworden.

Auf der anderen Seite hab ich es als Spanisch Sprechende einfacher, als Frauen, die zum Beispiel aus Osteuropa kommen. Natürlich freuen sich die Leute, wenn sie Spanisch hören. Sie kennen das aus dem Urlaub oder haben es in der Schule gelernt. Das passiert nicht, wenn man Rumänisch oder andere slawische Sprachen hört.“

Obwohl Carla nun schon seit acht Jahren in Wien lebt und nahezu akzentfrei Deutsch spricht, wird sie nicht immer als Österreicherin behandelt.

„Ich frag mich, wann die Leute aufhören werden, zu fragen, wann ich zurück ‚nachhause‘ gehen werde. Ich sag dann immer: ‚Ich bin eh da.‘ Ich hab ja schließlich ein Drittel meines Lebens hier verbracht und werde wahrscheinlich hier bleiben. Aber du bist hier immer fremd.“

Auch bei ihrer Arbeit als bildende Künstlerin stehen ihr aufgrund ihrer Herkunft oft Hindernisse im Weg.

„Ich will nicht immer als “die chilenische Künstlerin“ eingeladen werden, sondern als Carla Bobadilla, die Künstlerin. Im Arbeitsbereich wird man nicht als Kollegin betrachtet, sondern eher als eine Beispielperson.“

Nach dem Gespräch, kurz bevor wir uns wieder voneinander verabschieden, sagt sie: „Ich bin es schon gewohnt, dass sich Leute in Österreich beim ersten Kennenlernen nicht küssen, sondern nur die Hand drücken.“ So hat sie es auch bei mir gemacht.

Als sie dann geht, verabschieden wir uns mit Küsschen und Umarmung. Dafür kennen wir uns jetzt schon gut genug – im Sinne beider Kulturen.


Katharina Robia

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Freitagvormittag: Fahrstunde in Wien

Ich werde begrüßt:

Fahrlehrer: Señorita Bobadilla! Ist es ein spanischer Name?

Carla Bobadilla: Ursprünglich spanisch, ich komme aus Chile, Südamerika.

Meine Gedanken dabei: Wieso muss ich immer erklären, dass ich aus Chile komme, dass es dort sehr viele europäische Zuwanderer gibt, dass ursprünglich das Land den Mapuches gehörte und dass die jetzige Bevölkerung komplett durchgemischt ist.

Beim Fahren

Fahrlehrer: Sie fahren gut, sie könnten Taxifahrerin werden!

Carla Bobadilla: Ich habe etwas anderes vor.

Fahrlehrer: Also doch.

Meine Gedanken dabei: Wieso wird immer geglaubt Ausländer/innen haben vor, Taxifahrer zu werden. Wahrscheinlich weil es in Wien so viele Ausländer gibt, die in einem Taxi drinnen sitzen. Hat man sich vielleicht dabei Gedanken gemacht, wieso der Anteil an gebildeten Leuten so groß ist?

Nach 20 Minuten Fahrt

Nach ungefähr fünf Mal, dass der Fahrlehrer mich Señorita genant hat, sage ich ihn: Ich bin in Wirklichkeit eine Señora! Die Antwort darauf: Es ist nur eine Kleinigkeit in der Sprache.

Meine Gedanken dabei: Seit wie vielen Jahren ist es in der Öffentlichkeit schlecht angesehen, eine Frau Fräulein zu nennen, und nur weil es auf Spanisch nett klingt, darf man mich Señorita nennen?

Fast am Rande der Stadt eine Eisenbahnüberquerung

Fahrlehrer: Hier passen Sie auf, in Europa gibt es Eisenbahnen.

Carla Bobadilla: In meinem Land auch.

Meine Gedanken dabei: Wieso bezieht er sich auf Europa, will er mir sagen, Europa sei der einzige Kontinent, auf dem die Industrialisierung stattgefunden hat?

Nach ungefähr 30 Minuten steige ich wütend aus dem Auto aus, lasse mich vom Fahrlehrer zurückfahren. Mir war es an dem Tag zu viel und ich habe den Fahrlehrer gewechselt.

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In Seminaren stelle ich immer wieder eine einfach scheinende Frage: “Was ist ein/e AusländerIn?” Die vielen Antworten reichen von “dunkler Hautfarbe”, “nicht integrationswillig”, “zusammengewachsene Augenbrauen” bis hin zu “andere Gesichtszüge” oder “komische Kleidung”. Ja, meist sind es negative und auf das Äußere bezogene Definitionen. Viele scheinen fähig zu sein, eine/n AusländerIn einfach so auf der Straße zu erkennen.

Nicht anders in den Medien: Tatverdächtige in Mürzzuschlag oder Seefeld sprechen einen “ausländischen Akzent”, sogar polizeiliche Steckbriefe suchen Personen mit ausländischem Aussehen.  MigrantInnen, die die neue Sprache auch noch nach Jahren – so wie wie Arnold Schwarzenegger – nur mit starkem “ausländischem Akzent” sprechen, müssen sich sogar Parodien darüber gefallen lassen.

Dass dieses Betonen des “Ausländischen”  nicht nur völlig ungenau und daher sinnlos ist (und etwa als Merkmal eines Tatverdächtigen auf mehrere Milliarden Menschen zutrifft), sondern für Betroffene auch kränkend ist, beweist das heute in einer steirischen Tageszeitung erschienene Gerichtsurteil, das dem in der Steiermark lebenden E.V. für eine diffamierende Zeitungsmeldung 2.500.- Euro Entschädigung zuspricht.

Noch zur Auflösung: “AusländerIn” in Österreich ist jemand mit nicht österreichischer Staatsbürgerschaft. Nicht mehr und nicht weniger. “AusländerInnen” in Deutschland z.B. sind solche  mit nicht deutscher Staatsbürgerschaft usw. (also auch wir InländerInnen hier im österr. Inland sind AusländerInnen z.B. in der ausländischen Schweiz). Denn jede/r von uns ist AusländerIn – fast überall (wer will, kann sich das bei ZARA übrigens  auch als T-Shirt-Spruch besorgen).

Hören wir daher auf, von “Ausländerfeindlichkeit” oder “Fremdenfeindlichkeit” zu reden. Nachdem davon auch Leute betroffen sind, die ÖsterreicherInnen sind oder schon ihr ganzes Leben hier leben ist es ganz einfach nur Rassismus!

(Joachim Hainzl)

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